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5. Bewegung und Atmung

Die Atmung und die damit verbundenen Bewegungen begleiten uns ständig, in jedem Moment des Lebens. Ihr Rhythmus und Charakter ändern sich je nachdem, welche körperliche oder emotionale Aktivität wir gerade erleben. Musik – das Spielen eines Blasinstruments – zwingt uns dazu, den natürlichen Rhythmus jedes Menschen an die Melodie und den gewünschten Klang anzupassen.

Während wir im Bereich der Fingertechnik grundsätzlich neue Bewegungen (oder Bewegungskombinationen) kreieren, die wir sonst nirgendwo in diesem Umfang einsetzen, müssen wir in der Atemtechnik die bekannten, wenn auch unbewussten Bewegungen adaptieren. Ich glaube, dass es schwieriger ist, Gewohntes zu verändern, was wir noch dazu unbewusst tun, als etwas ganz Neues zu lernen.

Die Atemtechnik beim Blockflötenspiel ist ausführlich in dem Buch The Modern Recorder Player von Walter van Hauwe beschrieben, auf das ich später im Text verweise.

Stereotype

Im Unterricht passiert es mir oft, dass Kinder die Art und Weise, wie sie in die Blockflöte ein- und ausatmen, andernorts bereits erworbenen Stereotypen anpassen. Ein Beispiel ist das Einatmen, das ihnen ihre Lehrer und Trainer im Sport beibringen: Diese Art des Einatmens ist normalerweise nach oben in den Brustkorb gerichtet und erfolgt mit Hilfe des Anhebens der Schultern. Es ist schwierig, solchen "aufgeklärten" Kindern die Technik der unteren Atmung/Bauchatmung zu erklären, und es ist oft unmöglich, sie ihnen beizubringen - das Gedächtnis des Körpers ist stärker als alles andere. Die traurigste Situation entsteht dann, wenn ein Schüler aus einem Flötenspielzirkel in der Schule oder aus dem Kindergarten kommt, wo in einer Gruppe unterrichtet wird, und der/die beste Lehrer*in keine Chance hat, den Kindern die notwendigen Grundlagen gut beizubringen. Gerade die Kleinsten sind wie Schwämme und nehmen alles rund ums Spielen sehr schnell in die tiefsten Schichten ihres Gedächtnisses auf, in denen spätere Korrekturen nur schwer möglich sind. Ich will hier nicht gegen Zirkel oder den Blockflötenunterricht in Kindergärten kämpfen, sondern nur meine persönlichen Erfahrungen aus dem Gruppenunterricht von Kleinkindern schildern. Es gibt sicherlich eine Reihe von Kollegen*innen, die mit der Situation besser zurechtkommen und die Aufmerksamkeit der Kinder so gut aufrechterhalten können, dass sie alle Übungen rund um die Elementartechnik so hochwertig ausführen, dass die Kinder sich gut daran erinnern und etwas haben, worauf sie in der Zukunft aufbauen können.

 

Erste Kontakte

In der elementaren Technik – und nicht nur bei der Atemtechnik – sind die ersten Kontakte und deren Qualität extrem wichtig, daher ist es grundlegend erforderlich, sich Zeit zu nehmen und Raum zu geben, damit die Kinder die erforderlichen Handlungen wirklich erleben können. Dies steht jedoch im Widerspruch zu der relativ kurzen Zeit, in der kleine Kinder fähig sind aufmerksam zu sein, und dazu, sie zum Erledigen von Hausaufgaben/Üben zu motivieren. Ein weiterer Nachteil liegt in der Leichtigkeit, mit welcher der Klang eines Tones auf einer Blockflöte wiedergegeben werden kann: Warum sich die Mühe machen, wenn ES sich selbst spielt, oder? So begnügen wir uns – als Zirkelleiter*in, Kindergärtner*in, Musikschulen-Lehrer*in klassischer Instrumente wie Klarinette, Trompete etc. – oft damit, das Kind mit einer Teilinformation über das Atmen auszustatten wie „in den Bauch atmen“, und weil ES spielt, gehen wir also nicht weiter darauf ein. Wir berauben uns damit nicht nur der Möglichkeit eines tieferen Einblicks in das Wesen des Blockflötenspiels, sondern wir berauben uns auch der Möglichkeit, das Spiel zu kultivieren; und wenn wir Lehrer klassischer Instrumente sind, errichten wir unnötige Hindernisse dazu, wie wir später das Spiel unserer Schüler auf jenem realen Instrument kultivieren, das unserem Herzen am nächsten liegt. Ich bin überzeugt, wenn wir dem Schüler von Anfang an die Information vermitteln, dass der Atem, seine Wahrnehmung, die Luft und seine Bewegung beim Spielen das Wichtigste für ihn sind, dann wird sich dies in der Qualität des musikalischen Ausdrucks des Schülers in den späteren Jahren bezahlt machen.

Um dies zu erreichen, genügt es: langsam zu sein, sich Zeit zu lassen, den Spieltrieb des Kindes nutzen, damit der Atem, der so offensichtlich und unmerklich ist wie die Luft um das Kind herum, sich spielerisch mit der Welt des Kindes verbindet. Für mich hat sich das Seifenblasenspiel gut bewährt, das eine Reihe von Vorteilen und Eigenschaften hat, die dem, was Kinder beim Spielen beherrschen müssen, sehr nahe kommt: sich Zeit nehmen, sich beruhigen, sich konzentrieren, empfänglich sein, die Hand, die den Ring für die Bildung der Seifenblasen hält, mit dem Mund koordinieren,damit der Luftstrom den Ring trifft, usw.

Seifenblasenröhrchen - Pustefix

Die Übung hat 3 Schritte:

  1. „Bilde eine Blase, die nicht wegfliegt und während der gesamten Zeit, in der du ausatmest, auf dem Ring des Pustefix bleibt.“
  2. „Wenn du die Blase auf dem Ring mit deinem Atem erhältst, dann versuche auszuatmen, und wenn dudas Gefühl hast, dass dir der Atem ausgeht, atme kräftig ein und blase weiter so, dass die Blase nicht platzt, aber auch nicht wegfliegt,“ In dieser Phase klären wir nicht die Bauchatmung; mir geht es nur darum, sich des Einatmens bewusst zu sein – mit dem Mund! – und dessen Verbindung mit dem Ausatmen.
  3. „Wenn du die Blase erhältst (und kannst versuchen, wie lange und auf wieviele Male Atmen), dann kannst du versuchen, die Blase zum Vibrieren zu bringen, indem du in den Strom der ausströmenden Luft flüsterst: tütütü/düdüdü oder tüdüdü oder auch tüdütüdü…“ (verbunden mit der Artikulation). 

Wenn die Eltern bei den Übungen anwesend sind (und das sind sie normalerweise – ihre Hilfe bei den Übungen zu Hause ist von unschätzbarem Wert), scheue ich mich nicht, sie zu ermutigen, es selbst zu versuchen. Oft sind sie von der Schwierigkeit der geforderten Übungen überrascht und oft ist es der erste Kontakt mit einer Realität, die nicht ihrer Vorstellung von der Blockflöte als einfachem Instrument entspricht.

Die Spiele mit Seifenblasen locken Kinder zuverlässig in den Unterricht, und es ist dann kein Problem, ihnen Atemübungen zu zeigen, die ich mit dem Seifenblasenspiel verbinden kann. Auch bei der Übung mit dem Pustefix gibt es einen Bewegungsfaktor, auf den man sich konzentrieren kann, sowohl im Bereich Einatmen/Ausatmen, als auch in der Hand-Mund-Koordination und Artikulation. Insgesamt benötigt der Körper eine Beruhigung, d. h. ein Anhalten der Bewegung. All diese Aspekte bereiten meine Schüler darauf vor, wie sich unser gemeinsames Lernen als nächstes entwickeln wird: Ruhe/Aktivität, Einatmen/Ausatmen usw. (ohne Noten lesen zu müssen, Feinmotorik in der Fingerkoordination zu verwenden oder das Gehör einzubeziehen). Es gibt also mehr als genug Raum, um sich mit einfachen Aktivitäten rund um die Atmung und Luft zu öffnen.

Klänge auf dem Kopfstück

Weitere bewährte Übungen sind Klangspiele auf dem Kopfstück. Der Ring des Pustefix wird durch den Kopfstück der Blockflöte ersetzt, wo neben Atmung, Artikulation und Handkoordination erstmals massiv das Gehör involviert ist. Diese Spiele sind gut bekannt und beschrieben, aber ich wage es, sie hier zu erwähnen, weil ich sie für ein wichtiges initiierendes Element in den ersten Stunden mit dem Schüler halte.

Klangspiele auf dem Kopfstück wecken das Gehör und die Sensibilität der Kinder und eignen sich nicht nur für absolute Anfänger, sondern ich verwende sie auch in dem Fall, wenn ein Schüler in meine Klasse kommt, der schon mehrere Jahre woanders Querflöte gespielt hat und die Blockflöte nicht kennt. Solche Schüler haben grundlegende technische Mängel und eine völlig verzerrte Vorstellung vom Klang der Blockflöte und ihrem Charakter. Diese Übungen (wie auch das Seifenblasenspiel) sind für sie eine unerwartete Erfrischung und Eintritt in eine andere Welt als die, die sie kannten. Klangübungen am Kopfstück eröffnen Raum für Kreativität und Suche, die in der Musik notwendig sind. Ich liste hier die Geräusche auf, die wir normalerweise verwenden, aber andere sind sicherlich zu finden: Eule, Specht, Kuckuck, Frosch, Biene, Hummel, Wasserhahn, Traktor, Zugpfeife, Krankenwagen/Sirene, Sekt, Indianer, Geist/Gespenst... oder eine Kombination: Hummel öffnet Sekt, Hummel fährt Krankenwagen, Biene auf Traktor... Die Bedeutung der Wahrnehmung von Bewegung bei allen Übungen auf dem Kopfteil kann gar nicht genug betont werden: Ob der gewünschte Ton entsteht (und in welcher Qualität), hängt oft ganz von Bewegung und Kontrolle ab.

Zeichnen der Klänge

In der zweiten Phase der Übung konzentrieren wir uns darauf, dasGeräusch, das die Kinder auf dem Kopfteil spielen, auf Papier zu zeichnen. Hier geht es darum, dass die Schüler versuchen, in Form einer abstrakten Aufzeichnung von farbigen Linien zu lernen, sich der Qualität des Klangs an seinem Anfang, in der Mitte und am Ende bewusst zu werden, um den Klang zu visualisieren. Die Visualisierung ist ein sehr starkes Hilfsmittel im Unterricht – sie hilft mir, die Vorstellungskraft zu entwickeln und öffnet die Tür für die zukünftige Arbeit mit Metaphern. Das farbige Hören ist hier sehr wichtig, wenn Kinder lernen zu bestimmen, welche Farbe und Qualität ein Klang in allen Teilen seines Verlaufs haben kann. Wenn die Kinder ein Geräusch malen, können sie es rückwirkendabspielen, oder wir können uns gegenseitig Rätsel aufgeben, die auf den Bildern der Klänge basieren, die die Kinder für die Hausaufgabe gezeichnet haben. Für die Kleinsten, die ich nicht gleich zu Beginn ihres musikalischen Lebens mit Notenschrift belasten möchte, ist das Zeichnen von Klängen auch eine Vorbereitung darauf, die ersten Lieder nach einer grafischen Aufzeichnung zu spielen, in der die Noten ihre Farbe und Form haben.

Lippen

Klangübungen am Flötenkopf sind auch der erste Schritt, wie Kinder die Flöte/den Kopfteil an die Lippen anlegen. Wenn die Schüler Klänge nur mit dem Kopfteil spielen, dann ist das Erlebnis, wie sie den Schnabel an ihren Lippen fühlen, nicht ganz authentisch mit dem, was sie später empfinden, wenn sie das ganze Instrument spielen. Es lohnt sich jedoch, sie bereits in dieser Phase an die ideale Position heranzuführen, damit sie ihre Gewohnheit später nicht korrigieren müssen (mehr zum Thema in Kap. 8).

Ausdauer versus Qualität

Sobald der Schüler die Spielhaltung beherrscht, das Instrument halbwegs richtig hält und wir die ersten Melodien spielen können, konzentrieren wir uns gemeinsam darauf, dass wir das Einatmen der Tonqualität unterordnen. Kinder von kleinerer Statur haben oft ein Problem, den Zweiertaktso zu spielen, dass die Qualität des Tons am Ende der Sequenz nicht leidet. Also versuche ich, sie dazu zu bewegen, zuzuhören und zuatmen mit dem Ziel, den Ton bis zum Ende kultiviert und stabil zu halten, auf die untere Atmung zu achten und die Schultern entspannt zu halten. Ich denke, dass die Fokussierung auf die Tonqualität vom eigentlichen Anfang des Unterrichts an wichtig ist für eine spätere gute Intonation und einen ausgewogenen Klang des Instruments in seinem gesamten Umfang. Die Qualität des Tons sollte Vorrang vor Ausdauer und einer langen Phrase erhalten, denn der damit verbundene Stress, „man muss es in einem Atemzug schaffen“, nimmt den Kindern unnötig die Entspannung und Freude am Spiel. Sobald der Schüler eine gute Grundlage im Klang hat und das Einatmen so beherrscht, dass er nicht mehr darüber nachdenken muss, können wir versuchen, die Phrase zu verlängern, und das ist normalerweise kein Problem.

Kommunizierende Gefäße

Abschließend möchte ich erwähnen, dass die Atmung – ob untereoder hintere (oder eine Kombination aus beidem), jedoch nur eine Seite der Medaille ist, die wir in den Klang des Instruments investieren. Im Unterricht betrachte ich den Atem gerne als zwei kommunizierende Gefäße, von denen eines die Lunge (oder in der Vorstellung die Bauchhöhle) und das andere die Mundhöhle ist. Während der untere Behälter die Luftquelle ist, die ihn in der gewünschten Menge hält, ist die Mundhöhle der Ort, an dem diese Luft den Körper verlässt und in das Instrument strömt. Auch der Weg zwischen diesen beiden Gefäßen ist sehr wichtig: Er sollte entspannt und unter Kontrolle sein, denn der Halsbereich und der Bereich um die Stimmbänder herum bereiten die Luft auf den Eintritt in den Mund vor und können ihn so bereits formen, z.B. beim Vibrato. Die Mundhöhle ist nicht nur der Ort, an dem der Ton entsteht (Hauwe 1, S. 52), sondern auch der Ort, an dem wir seine Bewegung und Qualität wahrnehmen, was sich maßgeblich auf Intonation und Artikulation auswirkt. Durch die Lippen- und Wangenmuskulatur können wir die Bewegung der Luft zum Instrument wahrnehmen (im Allgemeinen würden wir vomDruck der Luft sprechen, aber Kindernist diese Wendung fremd – siehe Kap. 2).

Wenn wir die Luft ausatmen, ohne die Flöte an unseren Lippen zu haben, dann spüren wir, wie die Luft durch die Lippen ausströmt. Es hilft den Kindern sehr, sich vorzustellen, dass die Luft im Mund fließt (Hauwe 1, S. 52) und seine Qualität hat, wie verschiedene Arten von Flüssigkeiten, z.B. Sahne: Ein schwacher Luftstrom ist wie Milch und wird im Mund und auf der Innenseite der Lippen und Wangen weniger gefühlt, ein stärkerer Luftstrom ist mehr zu spüren - es ist wie Sahne usw. Um zu kontrollieren, wie Kinder blasen, ist es vorteilhafter, sich auf die Kontrolle in der Mundhöhle zu konzentrieren, da die am Prozess beteiligten Lippen- und Wangenmuskeln viel empfindlicher und besser zu beherrschen sind (sie sind viel näher) als das entfernte und abstraktes Zwerchfell oder der große Bauch.

Die Blockflöte ist sehr gut geeignet dafür, dass wir den komplexen Vorgang wie die Musik ohne Druck und in einem solchen Maße erleben können, das dem natürlichen Körperzustand am nächsten ist. Die meisten Blasinstrumente kombinieren im Allgemeinen die manuelle Motorik der Finger mit Druck, Artikulation und den Bewegungen des Atemapparats, einer großen Muskelgruppe, die so funktionieren muss, dass der Rest des Körpers möglichst entspannt bleiben kann. Hauwe schreibt darüber, dass "eine für das Blockflötenspiel geeignete Atmung nicht als angenehme Entspannung bezeichnet werden kann" (Hauwe 1, S. 47), wenn man bedenkt, wie unser Atmungssystem beim Spielen funktionieren sollte. Obwohl hier ein gewisses Spannungsgefühl bleibt, ist es aber im Vergleich zu anderen Blasinstrumenten nur ein Teil – der Mund und vor allem die Lippen sind relativ entspannt (mehr zum Thema s. Kap. 7 und Kap. 8).

Dank des großen Maßes an Entspannung, die uns beim Spielen dieses bemerkenswerten Instruments bleibt, haben wir die einzigartige Möglichkeit, die Bewegungen unseres Körpers in sehr feinen Nuancen wahrzunehmen. Gleichzeitig gilt aber, wenn ich auf der Blockflöte spiele, bin ich nahe daran, die allgegenwärtige Luft schätzen zu lernen, dank der ich leben und wahrnehmen kann. Luft – diese Selbstverständlichkeit, von der es rundum genug gibt, die mir aber bald danach, wenn ich nicht einatmen kann, zu fehlen beginnt.

Literatur:

HAUWE, Walter van: The Modern Recorder Player, Vol. 1, Schott 1987