„Die Musik steckt nicht in den Noten. Sondern in der Stille dazwischen“
(W. A. Mozart)
Schon als Kinder wurde uns in der Schule beigebracht, dass „Bewegung die Grundeigenschaft lebendiger Systeme“ ist. In der Musik ist Bewegung auf allen Ebenen des Prozesses präsent. Töne werden von dem Musiker mit dem Musikinstrument oder seiner Stimme erzeugt, es entstehen akustische Wellen, die durch ihre Bewegung die Töne zum Zuhörer tragen. Der aufmerksame Zuhörer spürt die Emotionen, die die Musik in ihm hervorruft – er erlebt Bewegtheit. Wir könnten den Prozess noch weiter ausdehnen, dass die Bewegtheit ganz am Anfang beim Musiker ist, denn sein Ziel ist es, die physischen Bewegungen bei der Handhabung des Instruments so zu beherrschen, dass sie beim Zuhörer die gewünschte Emotion hervorrufen, ebenso wie wir darüber sprechen könnten, dass die Emotionen zwischen dem Musiker und seinen Zuhörern hin und zurück fließen. Wunderschön wird das von dem Motto beschrieben, das Ralf Ehlert in seinem Flötenkatalog hat: Musik ist Poesie der Luft. Ja: Musik gibt der Luft Rhythmus, sie formt ihn physisch.
Taoisten sagen, der Weg ist das Ziel. Und was ist das Ziel der Musik? Emotion? Musik, die erklingt, ist wie die Straße, auf der wir gehen. Es ist ein Weg, auf dem uns Sekunde für Sekunde, Note für Note die Bewegung führt. Wenn der Weg das Ziel ist, dann kann in der Musik Bewegung die Reise sein.
Mozarts obige Aussage ist ein Überlegungsmodell für jeden, der es mit Musik und Unterricht ernst meint. Ihr Sinn lässt sich unterschiedlich interpretieren, uns genügt hier ein Blick zwischen die Noten, denn gerade dieser Raum wird beim Spiel mit Bewegung erfüllt. Die einzelnen Töne erklingen anfangs durch die Resonanz des Instruments, es entstehen akustische Wellen, die uns zum nächsten Ton führen. Die Qualität der Wellen beeinflussen wir beim Flötenspiel mit unserem Atem und damit, wie wir die Luft verarbeiten, die unseren Körper in Richtung zum Instrument verlässt, um dieses erklingen zu lassen. Gleichzeitig nutzen wir Bewegungen der Zunge bei der Artikulation und beeinflussen so den Luftstrom in das Instrument in seiner Länge und Intensität. Nicht zuletzt füllen wir den Raum zwischen den Noten mit der Bewegung unserer Finger, die uns im Wechsel der Griffe weiter in der Melodie führt. Aus diesem Grund lohnt es sich für mich, den Schüler, der nach Noten spielt, darauf hinzuweisen, zwischen die Noten zu schauen. Es hat bewährt, dass dies eine größere Chance ist, die Bewegung, die von Note zu Note führt, in ihrer Art und Qualität wahrzunehmen. Diese Erkenntnis führt zur Kultivierung der Bewegung, und Bewegung zu kultivieren bedeutet, das Instrumentenspiel selbst und damit die Musik zu kultivieren.
Bewegung als solche ist für mich oft ein besseres Mittel, um Spieltechnik zu erklären, als abstrakte Begriffe wie Druck, Kraft und Geschwindigkeit. Mir wurde klar, dass Kinder so nicht erwägen, das sind keine Worte aus ihrer Welt. Für Kinder ist es natürlicher, das, was sie fühlen und hören sollen, mit dem zu verbinden, was sie vertraulich kennen, weil es dann wahrscheinlicher ist, dass die gewünschte Information tiefer eindringt und Früchte trägt. Zum Beispiel ist Verstärkung für meine Schüler verständlicher als ein Klang, das näher kommt. Wenn wir diesen Zusammenhang zeigen, dann ist es fast sicher, dass die Kinder nicht wie gewöhnlich beim Crescendo beschleunigen (und beim Diminuendo verlangsamen) - oder zumindest die Tempoänderung bemerken werden.
Bewegung ist meiner Meinung nach ein großartiges Hilfs- und Kommunikationsmittel, um Schüler beim Spielen und Lernen auf den richtigen Weg zu führen.
Allerdings gibt es aus meiner Sicht noch einen weiteren Grund, warum sich auf die Bewegung zu konzentrieren.
Heutzutage werden wir von allen Seiten mit Sport umgeben. Sport ist allgegenwärtig, Sportbegriffe haben fast alle Lebensbereiche durchdrungen, und ich habe oft das Gefühl, dass das Leben eine Art Wettlauf ist, an dessen Ende sich mehr, weiter, höher usw. befindet. Allerdings ist fraglich, ob diese einseitige Leistungsorientierung förderlich ist. Meine persönliche Meinung ist, dass die einfache Freude am Spiel/Sport irgendwohin verschwunden ist, und wenn sie da ist, wird sie wieder nur zur Orientierung auf Leistung ausgenutzt. Auch wenn es eine eher vereinfachende Sichtweise ist, kann ich behaupten, dass Bewegung das Prinzip des Sports ist, aber im Gegensatz zur Musik keinen tieferen Einfluss auf den mentalen Raum des Menschen hat, oder ihr einfach die Feinheit im Unterscheiden fehlt. Oft geht es um messbare Leistungen, und z.B. auch der Eiskunstlauf, wo der künstlerische Eindruck bewertet wird, steht unter dem Druck der Anzahl der Vierfachsprünge, die die Läufer*innen schaffen müssen, wenn sie erfolgreich sein wollen.
Nicht selten erlebe ich bei meinen Schülern, wie der Druck seitens der Eltern, der Sportöffentlichkeit, von Trainern und Managern dazu führt, dass die Kinder aufgrund der Menge an Training und Wettkämpfen keine Zeit für ihre Persönlichkeitsentwicklung haben; ihnen fehlt einfach die Zeit, sich in eine andere Richtung zu entfalten als Tor oder Zielband. Der Sport führt auch unangemessenes Wettbewerbsbestreben in Bereiche ein, in denen dies unnötig oder kontraproduktiv ist. Und da spreche ich überhaupt nicht davon, dass Kinder im normalen Sportunterricht einer Bewertung und häufig Demütigung durch Tabellen und Vergleichstests unterzogen werden. Wie „einfach“ ist es, meine Note im Turnen zu verbessern, wenn ich 1,90 m messe, im Vergleich dazu, wie „schwer“ ist es, für eine Klausur z.B. in Geschichte zu lernen?
Die Beherrschung der Bewegung in der Musik hat im Gegensatz zum Sport Auswirkungen auf das geistige Leben sowohl von Musikern als auch Zuhörern. Das Ziel ist nicht, das Musikstück zu spielen, sondern es zu erleben und in sein Erleben den Zuhörer einzubeziehen. Zusätzlich zu den Muskelgruppen, die benötigt werden, um das Instrument zum Klingen zu bringen, setzt der Spieler sehr feine motorische Fähigkeiten ein, Hören, Sehen, Tasten ... Dabei muss auch er, in der Sprache des Sportkommentators, das Spiel lesen und zuspielen können, auch er sollte sich auf den Punkt bewegen (ein Solostück spielen) oder in der Reserve agieren können (gut begleiten können) ... All dies jedoch mit dem Ziel, sein innerliches Leben selbst und das seiner Zuhörer zu bereichern.
Ich möchte hier nicht gegen den Sport kämpfen, bin selbst seit vielen Jahren aktiv und Freizeitsportler. Ich schätze den Beitrag des Sports im Bereich der physischen Gesundheit und Willensstärkung sehr. Als Lehrer an der Musikschule aber kann ich den Kindern zeigen, dass Bewegung nicht nur Sport ist, sondern auch etwas ganz anderes sein kann, was ihr Leben auf ungeahnte Weise bereichert. Zu zeigen, dass das Ziel des Sports darin besteht, zu gewinnen, schneller und besser zu sein, das Ziel der Musik jedoch darin besteht, zusammen zu sein.